Written by Reisen

Alltag

Es ist ein Alltag, morgens um sieben und die Welt ist in Ordnung. In einer halben Stunde wird der Wecker klingeln und mit ein wenig Glück wird das Bad frei sein. Der Wecker klingelt, das Bad ist nicht frei und die Küche ist überfüllt. Kein Frühstück, keine Dusche, dafür schnell ein Käffchen und ich beziehe den strategisch günstigen Posten im Wintergarten, um bei der nächsten Gelegenheit ins Bad zu hüpfen. Dann Dusche und ein Platz am Frühstückstisch, „Und, was steht bei Dir heute an….?“, „Ja, das wäre eine super Idee für´s Wochenende…!“, „Wie kommt man dahin…?“, „Tschüss, viel Spaß und bis heute Abend dann…!“.

Als letzte verlassen dann auch Florian und ich das Haus (flexible Arbeitszeit). Es ist kurz nach neun und die Sonne brennt gnadenlos, nur im Schatten ist es eisig. Auf dem Weg zur Plaza, wo unser Minibus abfährt, gebe ich noch schnell meine Wäsche in der lavandería ab. Wieder beziehe ich Posten, diesmal am Straßenrand. Massen an Minibussen in der Größenordnung von VW-Bussen, in die drei bis vier Bankreihen gezwängt wurden, fahren vorbei. In der Windschutzscheibe zeigen bunte Schilder an , wohin der jeweilige Bus fährt. Zusätzlich brüllt ein Busbegleiter in einem Affentempo die Route aus dem Bus heraus: „Sopocachi, Sopocachi, Plaza Avaroa, Cota Cota a un Boliviano, un Boliviano, Sopocachi…!“. Man muss schon tüchtig aufpassen, um sich auch rechtzeitig den passenden Bus heranzuwinken, aber mittlerweile manage ich das mit dem richtigen Maß an gewusst-wie!-Coolness. Einmal den MINIbus bestiegen wird´s meisten gemütlich: der bolivianische Nahverkehr ist nicht wirklich auf die Platzbedürfnisse von hochgewachsenen Nordeuropäern eingestellt: Trotz Quetschens, Drängens und Beine Verknotens nehmen Florian und ich meistens doch eher zwei reguläre Sitzplätze pro Person ein. Eine Frau in traditioneller Kleidung winkt am Straßenrand und steigt zu. Der Busbegleiter streckt sich durch den Autoinnenraum und sammelt von jedem Fahrgast umgerechnet 15 Cent ein. Wer aussteigen will, gibt dies einfach kurz vor dem Ziel bekannt „Me quedo en la esquina“ – „Ich bleibe an der Ecke“.

Die Räumlichkeiten von A.I.S. liegen in einer beschaulichen Straße eines besseren Wohnviertels. Außer der Kommunikationswissenschaftlerin Marisol und dem Pharmazeuten Amilcar arbeiten noch acht weitere, feste Mitarbeiter bei A.I.S. in La Paz. Alle sind sehr nett und bemüht um uns. Für unsere Recherchen erklärt uns Amilcar, wie man Malaria vorbeugt. Wir werfen noch kurz ein „Buen día“ in die anderen Bueros, um dann den restlichen Vormittag lesend bei einer anderen Organisation zu verbringen, die eine hervorragend ausgestattete Bibliothek hat. Mittags geht´s auf eine Ente in eine der zahlreichen Chifas, wie hier chinesische Restaurants heißen. Den Rest der Pause verbringe ich damit, das riesige Marktviertel nach einem Kaffeefilter oder sonstigem Gerät zum bereiten von Filterkaffee zu durchkämmen. Für die hiesige Versorgungslage mit Konsumgütern gilt: Es gibt alles, aber wenn man nicht genau weiß in welcher Ecke des Gewusels das sich Stadt nennt, das Gewünschte feil geboten wird, dann kann die Suche lange und nervenaufreibend werden. Stößt man dann nach Tagen durch Zufall auf das Ersehnte, so kann man sicher sein, dass in just dieser Straße auch nur das eine verkauft wird. Naja, ich muss ja auch nicht immer alles verstehen…

Am Nachmittag nimmt uns der Chef von A.I.S., Dr. Lanza, mit zu einer seiner Vorlesungen über Öffentliche Gesundheit. Er stellt uns seinen Studenten vor und bittet sie, uns mit auf ihren Feldeinsatz mitzunehmen. Bolivianische Medizinstudenten, die im Schwerpunkt Öffentliche Gesundheit studieren, sind verpflichtet ein Wochenende auf dem Land zu verbringen, um dort gesundheitliche Aufklärung zu betreiben. Alles kein Problem, die Studis nehmen uns gerne mit und wir freuen uns über die kommende Abwechslung. Das Thema der heutigen Vorlesung scheint mir ein wenig auf uns zugemuenzt zu sein. Im Groben ging es um „Warum es in Deutschland keine schweren Krankheiten gibt und was die internationale Politik damit zu schaffen hat“. Zu einer zweiten Vorlesung können wir leider nicht bleiben, weil um 17.00Uhr unsere Förderstunde in Aymara (neben Quetchua, Guaraní und Spanisch bolivianische Amtssprache) beginnt. Unsere Aymara-Lehrerin ist jung, nett und lacht viel. Sie trägt die typischen sieben Röcke und hat einen riesigen, deckenartigen Schal um die Schultern gelegt. Allerdings führt sie weder einen Hut, noch Kenntnisse in Didaktik mit sich. Aymara, das sind für mich wahllose Buchstabenketten, deren Aussprache mir nur vereinzelt deutlich wird, insbesondere, wenn ein Apostroph mitten im Wort einen seltsamen Knacklaut signalisiert. Ich bezweifele, dass diese Sprache überhaupt für Ausländer lernbar ist. Nach dem Aymara bin ich fix und alle und goenne mir auf dem Fußweg nach Hause noch ein „Bonbon aus Wurst“, eine Art Würstchen im Schlafrock am Stiel. Es ist 19.00 Uhr, bereits dunkel und Rushhour. Bus- oder Taxifahrten dauern zu dieser Zeit locker doppelt so lange (Hoffungsfroh habe ich in Deutschland meinen Führerschein eingesteckt. Jetzt weiß ich, dass ich ihn hier gewiss nie brauchen werde.). Der Versuch eine Straße zu überqueren – Fußgängerampeln sind weitestgehend unbekannt – kann nicht nur eine Viertelstunde, sondern auch einen Herzkasper kosten. Bolivianer begehen ihre rare Freizeit. Überall bieten ambulante Händler ihre Waren und Dienstleistungen an, z.B. (nicht ganz legale) DVDs der allerneusten Filme für einen Euro, von denen ich noch eine für die Abendgestaltung mit nach Hause nehme.

Die Mädels sind bereits von der Arbeit zurück, haben gekocht und wir sind eingeladen. Alle erzählen – von Interviews mit Ministern, von Diplomarbeiten, von Kunstkursen in Jugendzentren, von der Arbeit in der Handelskammer oder von Aymarasprachkursen. Müde plumpsen wir gerade noch so eben vors improvisierte Heimkino und dann ins Bett, bis der Wecker klingeln, das Bad besetzt und die Kueche ueberfuellt sein wird.

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