Written by Reisen

Chile: Zu Wasser, an Land und in der Luft

Chile ist durchquert: Von der Wüste im Norden, über die kargen Weinberge in der Mitte des Landes und die Seenregion bis zu den patagonischen Eisfeldern, den Vorboten der chilenischen Antarktis, von Chiles nördlichster Stadt Arica über das stickige Santiago bis hin zu Chiles südlichster und damit auch der südlichsten Stadt der Welt, Puerto Williams, habe ich mich den Streifen am Rande des lateinamerikanischen Kontinents – mal schneller, mal langsamer – hinabgelassen. Ich habe Vulkane gesehen und mich von der Südsommersonne verbrennen lassen. Ich habe die ungewöhnlichsten Wolkenformationen gesehen, ich bin gegen pazifische Wellen angetreten und habe Gletscher bestaunt. Ich soll erlebt haben, wie die Erde bebte, habe unter Bäumen gepicknickt und Staub geschluckt. Ich habe die sauberste und die zweit verschmutzteste Luft der Welt geatmet.

Behäbig schiebt sich das Passagierschiff „Puerto Eden“ durch eine behäbige Landschaft. Zur linken und zur rechten der patagonischen Fjorde, durch die wir fahren, ragen beklemmend hohe, runde und bewaldete Hügel in die Höhe. Die bizarren Wolken sind regungslos und hängen tief. Manchmal, so befürchte ich, fehlt nicht viel, bis sie sich mit einem dumpfen Aufprall zischend im eiskalten Wasser auflösen würden. Die Stille ist überwältigend. Um uns herum befindet sich in einem Radius von mehreren hundert Kilometern nichts weiter als menschenleere Natur, die absolute Wildness: Urwälder, Eisfelder, der Puma, Lamas, Kondore. Von Zeit zu Zeit reißt ein Wasserfall seine Schneiße durch das dichte Grün der Berge. Alles ist groß.

Auf einmal hallt ein Aufschrei von den Bergen wieder und Hektik breitet sich auf Deck aus: „Delfine!“. Auch ich stürze an die Reling und tatsächlich, in einiger Entfernung springen Delfine aus dem Wasser. Sie bewegen sich immer weiter auf uns zu, bis sie den Buk erreicht haben. Ich habe es immer für ein Gerücht, ein Einzelphänomen gehalten, aber die Delfine begleiten unser Schiff tatsächlich ein Stück des Wegs, indem sie im schönsten Gleichmaß ihre Bögen im und über Wasser ziehen.

„Und hier willst du wirklich ins Wasser gehen?“, fragt mich eine unbedarfte Stimme an meiner Seite. Der Himmel ist grau und es ist windig. In der Ferne spuckt der Pazifik meterhohe Wellen aus. Sie brechen und laufen aus und laufen und überschlagen sich, bis sie sich entweder am schwarzen Sandstrand verlieren oder am Ende der Bucht von Pichilemu gegen die Felsen schlagen. Das Risiko ist kalkuliert und außerdem gehe ich ja auch nicht alleine ins Wasser. Sobald die Felsen passiert sind und das Wasser ein wenig mehr als knietief ist, lege ich mich bäuchlinks auf das Surfbrett. Den Oberkörper in der Luft und den restlichen Körper auf dem Brett balancierend, paddele ich gegen die Strömung weiters aufs Meer hinaus. Noch ein paar Surfstunden mehr und ich werde Oberarme wie Meister Propper haben. Die erste in etwa eineinhalb Meter messende Welle kommt auf mich zu und der Adrenalinpegel steigt. Ich paddele noch zwei kräftige Züge Richtung Welle, dann halte ich das Brett an den Kanten fest und verlagere das Gewicht nach hinten, indem ich meinen Oberkörper noch weiter hochstemme. Die Welle schlägt mir entgegen und ich stehe beinahe senkrecht in der Luft. Für einen Augenblick drohe ich nach hinten über zu kippen, doch dann hat sich Welle auch schon unter mir hindurch geschoben und ich stürze in die Tiefe, bis ich wieder auf der Wasseroberfläche lande. Noch drei, vier solcher Wellen überquere ich und dann habe ich die Linie, an der die Wellen brechen, überwunden. Meine Arme sind bereits jetzt schwer wie Blei. Alle verschnaufen einen Augenblick und bestaunen aus sicherer Entfernung das Spektakel der Naturgewalt Welle, das rings um uns herum tobt. Nach einer Weile kommt auch auf der Geraden, auf der wir uns befinden eine wogende Wassermasse auf uns zu.

„Die Welle kommt. Wenden und paddeln!“, ruft der Surflehrer. Ich drehe, die Spitze des Brettes zeigt zum Strand und ich schaue über die Schulter zu, wie die Welle mich einholt. Kurz bevor sie mich erreicht, bricht sie. Ich paddele stärker, der mächtige Schaum ergreift mich, schubst mich an und schiebt mich vor sich her. Noch ein paar Züge und das Brett hat sich in der vollen Fahrt stabilisiert. Ich versuche mich hinzustellen, lande wieder nur auf den Knien, verliere das Gleichgewicht und falle ins Wasser. Die Massen reißen mich fort und die Welle gibt mich nicht wieder frei. Als ich endlich auftauchen kann, ringe ich nach Luft, ziehe mich wieder auf das Brett und beginne von vorne: paddeln gegen die Strömung und über die Wellen hinweg hinter die Linie gelangen, an der sie brechen. Eine halbe Stunde später nehme ich die zweite Welle, die so kräftig ist, dass sie mich sofort vom Brett katapultiert. Die dritte Welle erwische ich optimal und donnere mit ohrenbetäubender, gischtspritzender Geschwindigkeit in Richtung Strand. Je schneller das Brett, desto stabiler liegt es auf der Wasseroberfläche auf. „Jetzt!“, denke ich, „jetzt werde ich mich aufstellen!“. Doch meine Arme gehorchen mir nicht. Das Raufen mit den Wellen der letzten Stunden hat ihnen das letzte bißchen Kraft geraubt. Sie können meinen Oberkörper nicht mehr hochdrücken und also kann ich auch den kleinen Sprung auf beide Füße nicht folgen lassen. Mir klingen die Worte eines Surfers im Ohr: „Surfen, das ist zu 90 Prozent Geduld und Beharrlichkeit.“.

Mit der lautlosen Eleganz eines Delfins unterbrechen die Pinguine ihren Tauchzug, um mit einem Sprung über die Wasseroberflaeche auf sich aufmerksam zu machen. Eine kleine Flutwelle gleitet auf das Ufer der Straße von Magellan zu. Als sie es erreicht hat, tauchen aus ihr sieben oder acht Magellan-Pinguine auf. Noch in fischähnlich liegender Schwimmposition liegen sie in der sanften Brandung und es scheint, als würden sie einen Augenblick lang stutzen; als seien sie überrascht über den plötzlichen Verlust ihrer anmutigen Bewegungsfreiheit. Doch schon rappeln sie sich wieder auf und stapfen tapfer – nach Pinguinmanier im Watschelschritt und Gänsemarsch – den Strand hinauf. Jetzt im Februar beginnt für die Küken die Schwimmschule.

Ein besonders nervöser Erstklässler wirft sich bei jeder Regung ängstlich auf den Boden und wartet bis die vermeintliche Gefahr vorüber ist, während Mutti und Vati gelassen weiter tapsen, jedoch immer darauf bedacht, alle Schäfchen beisammen zu halten. Von der Landseite her kommt eine wesentlich größere Schar Pinguine auf uns zu. Sie verließen die rasende Eleganz ihres Reisebuses, um nun – nach Pinguinmanier im Watschelschritt und Gänsemarsch – das Ufer zu erreichen.

Im unterirdischen Metrosystem Santiagos ist es noch heißer und stickiger als in der hochsommerlichen Oberwelt. Allerding ist sie fein herausgeputzt, die Metro: die Wagons sind neu, von den Bahnsteigen könnte man essen und in jeder Station vertreibt ein Fernseher die recht kurze Wartezeit. Aus dem Schwarz des Tunnels ertönt ein Rattern, Scheinwerfer leuchten auf und die überfüllte Metro fährt in die Haltestelle ein. Schilder, deren Aufschrift darum bitten, erst aussteigen und dann einsteigen zu lassen, werden ignoriert. Es wird gedrängelt, geschubst und geschoben, bis die Metro wieder überfüllt ist, ein Signalton das Schließen der Türen ankündigt und der Zug davon rauscht. An der Station „Santa Lucía“ quelle ich mit anderen Fahrgästen aus der Tür des Wagons und reihe mich in den Strom ein, der hinaus ins Freie will. Ebenso viele Seelen wie der Metroeingang im Begriff ist herauszuspucken, gelangen nun durch den Schlund in Richtung seiner Innereien; uns entgegen, auf Kollisionskurs. Es wird gerempelt, gedrängelt und geschubst. Wie die Kugel eines Flipperautomaten ziehe ich meine Bahn durch die Tunnel. Doch irgendwann geben Masse und Metro mich frei und ich finde mich an einer vierspurigen Straße wieder. Es ist laut und insbesondere der rege Busverkehr macht eine Unterhaltung an der Straße unmöglich. Zum Glück ist nach nur ein paar Schritten das rettende Oäschen erreicht: der Cerro Santa Lucía ist ein zwischen 1872 und 1875 zum Park umgbauter Hügel, mitten in der Innenstadt. Sandwege und in Stein gehauene, grobe Stufen führen gemähchlich den Hügel hinauf, bis nach einer Weile das oberste Aussichtstürmchen erreicht ist. Unter mir erstrecken sich die unendlichen Weiten der Stadt, die sich gen Süden im Horizont verliert. Nach Norden, Osten und Westen wird Santiagos Wildwuchs durch die schneebedeckten Berge in Schach gehalten. Die Berge sind, obwohl nicht weit entfernt, aufgrund des Nebels nicht klar erkennbar. Ich blicke hinauf in den Himmel. Er ist strahelnd blau, kein Wölkchen ist zu finden. Der Nebel ist kein Nebel.

Ebenso viele Seelen wie der Metroeingang im Begriff ist herauszuspucken, gelangen nun durch den Schlund in Richtung seiner Innereien; uns entgegen, auf Kollisionskurs. Es wird gerempelt, gedrängelt und geschubst. Wie die Kugel eines Flipperautomaten ziehe ich meine Bahn durch die Tunnel. Doch irgendwann geben Masse und Metro mich frei und ich finde mich an einer vierspurigen Straße wieder. Es ist laut und insbesondere der rege Busverkehr macht eine Unterhaltung an der Straße unmöglich. Zum Glück ist nach nur ein paar Schritten das rettende Oäschen erreicht: der Cerro Santa Lucía ist ein zwischen 1872 und 1875 zum Park umgbauter Hügel, mitten in der Innenstadt. Sandwege und in Stein gehauene, grobe Stufen führen gemähchlich den Hügel hinauf, bis nach einer Weile das oberste Aussichtstürmchen erreicht ist. Unter mir erstrecken sich die unendlichen Weiten der Stadt, die sich gen Süden im Horizont verliert. Nach Norden, Osten und Westen wird Santiagos Wildwuchs durch die schneebedeckten Berge in Schach gehalten. Die Berge sind, obwohl nicht weit entfernt, aufgrund des Nebels nicht klar erkennbar. Ich blicke hinauf in den Himmel. Er ist strahelnd blau, kein Wölkchen ist zu finden. Der Nebel ist kein Nebel.

In etwa 35m Höhe schwebe ich über urwüchsigen, kaltem Regenwald. Der Wald sieht so aus, wie ich mir einen nordeuropäischen Wald vor 20.000 Jahren vorstellen würde: viele Bäume und Pflanzen haben ein vertrautes Äußeres, aber alles ist irgendwie größer, dichter, wilder! In die Krone eines Baumes wurde eine Plattform gebaut, auf der ich stehe. Ausgerüstet bin ich mit Sturzhelm und klobigen, ledernen Handschuhen.

Mich sichert ein Klettergurt, der mittels einer Seilrolle an einem dicken Stahlseil befestigt ist, das von dem Baum, an dem ich mich befinde, über eine Distanz von mehr als 200m zu einem zweiten Baum gepannt wurde. Auf ein Zeichen hin springe ich von der Plattform und rase in irsinniger Höhe und Geschindigkeit auf die Plattform des nächsten Baumes zu. Hinweg über den Urwald, Baumkronen, Felsen und Gebirgsbäche fliege ich wie Tarzan an seiner Liane durch die Lüfte.

Es ist Nacht in der trockensten Wüste der Welt. Ich befinde mich, etwa eine halbe Autostunde von San Pedro de Atacama entfernt, im Garten eines französischen Astronoms. Wie jede Nacht in der Wüste, so ist auch diese sternenklar und kalt. Das leuchtende Mondlicht läßt die Vulkankette am Ende der Ebene erkennen. Noch schwirren die Eindrücke des Tages durch die Luft: der staubige Boden, die roten Berge und Vulkane, die braunen Lehmhütten San Pedros, die Wüstensonne, die alles gelb erstrahlen lässt am Tage, orange, wenn sie über Stunden sinkt und schließlich rot, wenn sie untergeht. Im Garten des Astronomen stehen fünf gewaltige Teleskope. Eifrig rennt der Franzose von Teleskop zu Teleskop und holt die Wunder des Himmels zu uns auf die Erde. Reihum bestaune ich die Himmelskörper in den Teleskopen.

Bis zum Wahrnehmungsvermögen meiner Augen hinab ziehen die Linsen uralte Bilder durch das All, die Athmosphäre, die Luft: Nebel im Gürtel des Orions, die Milchstraße, Sirius, Sternenhaufen und Saturn. Der Raum verschwindet und der Mond ist plötzlich kein Trabant der Erde mehr, sondern eine große, grauleuchtende Kugel zwischen meinen Händen.

Geschrieben in: