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Das Ende der Welt

Das Ende der Welt, darüber ist man sich einig, das ist Kap Hoorn. Die mystische Anziehungskraft der Insel ist so groß, dass auf einer Party inmitten der patagonischen Fjorde, als sich zu fortgeschrittener Stunde herumgesprochen hatte, dass es mein erklärtes Ziel sei dorthin zu gelangen, mit einmal alle den gleichen Plan hegten: Kap Hoorn, der Inselzipfel am Ende der Welt, auf ihm nichts weiter als ein Monument und ein Leuchtturm, bewohnt von einer dreiköpfigen Familie, in ihrem Heim ein Postämtchen, die Postkarte vom Ende der Welt, geheimnisumwobener Felsen und Schiffsfriedhof, Ringkampfarena der südlichen Ozeane, angefeuert von den Seelen zahlloser Seefahrer, die dort ihr Leben ließen, bis zum Südpol nichts als Meer und ewiges Eis, eines der großen Abenteuer dieser Erde und mein Traum!

Nun, am nächsten Morgen freilich, reduzierte sich die Zahl der abenteuerlustigen Seefahrer dann wieder auf drei Personen, nämlich Susann, Corinne die schweizerische Weltreisende, die sich uns anschloss und mich. Aber – wie gelangt man eigentlich ans Ende der Welt? Sicher war nur, dass es keine Butterfahrt und auch kein gemächlicher Tagesausflug werden würde, denn in den meisten Reiseführern findet der Weg zum Kap keine Erwähnung und wenn doch, so liest man lediglich: „Ab Ushuaia gibt es die Möglichkeit eine Yacht zu chartern.“ Eine Yacht chartern? Das geht doch bestimmt auch günstiger, dachten wir uns und machten uns auf nach Ushuaia.

Ushuaia ist ein luxuriöses, malerisches Touristenstädtchen, so etwas wie das Kampen Argentiniens, wo wir uns sogleich auf die Suche begaben, zunächst ins Reisebüro. Kap Hoorn? Ja sicher gäbe es da etwas. Eine viertägige Kreuzfahrt auf der „Stella Maris“ zu einem ganz günstigen Lastminute-Preis. Unsere Gesichter strahlten hoffnungsfroh um die Wette, jedoch nur, um sogleich einzufrieren: umgerechnet nur 1000,- Euro pro Person. Tja, danke schön und auf Wiedersehen! Unserer nächster Versuch dann war die Hafenmole, an der einige größere und kleinere Ausflugsboote lagen. Kap Hoorn? Nein, bis dahin sei man ja mindestens drei Tage unterwegs! Aber weiter unten am Yachthafen, dort könnten wir nachfragen.

Also doch der Yachthafen, ich fühlte mich eindeutig underdressed, ordnete mein Haar und scherzte noch, dass ich für einen Besuch im Yachthafen aber erst mal meine sportlich-feminine Linie hervorzaubern müsste. Wenn ich wüsste! Doch erst einmal es ging zum Yachthafen, wo wir auf einen netten Herren trafen, der ein paar Telefonate führte und uns dann freudestrahlend seinen Erfolg verkündete: für nur 1200,- Euro pro Person könnten wir bereits übermorgen auf einen einwöchigen Segeltörn nach Kap Hoorn gehen. Und gäbe es da auch noch eine günstigere Variante? Nein, davon wüsste er nichts, aber auf dem Steg dort sollten wir es doch mal probieren.

Und tatsächlich, ein junger und ganz bodenständig wirkender Yachtbesitzer gab uns zwei Telefonnummern: Lolo und Luis sollten wir anrufen, die würden in den nächsten Tagen zum Kap auslaufen. Voll Euphorie rannten wir ins nächste Callcenter! Lolos Nummer gewählt, Lolo antwortet, Lolo unser Anliegen vorgetragen.
„1500,- U.S. Dollar pro Person“, sagte Lolo. Macht nichts, blieb ja immer noch Luis.
Und was sagte der?
„1500,- U.S.Dollar pro Person.“
„Unmöglich“, sagte ich. „Wir sind doch Studenten, kennen Sie nicht noch eine günstigere Möglichkeit?“
„Naja“, erwiederte Luis. „In welchem Hotel wohnst Du denn, wir treffen uns dann dort.“
Ich verstehe nicht ganz: „Und dann wissen Sie mehr oder wie?“
„Ja genau“, schnurrte Luis. „Dann sehen wir mal welche günstigen Möglichkeiten es so gibt.“
Moment, stutzte ich, günstige Möglichkeit im Hotel? Nein danke! Abenteuerlust muss auch Grenzen haben.

Ein wenig angewidert und ernüchtert verlassen wir am nächsten Morgen Ushuaia, um im benachbarten, chilenischen Puerto Williams noch einmal unser Glück zu suchen. Puerto Williams ist ein kleines, unschuldiges 2300 Seelen-Dörfchen auf der Insel Navarino, mit höchstwahrscheinlich nicht mehr als 15-20 Touristen.

Keine Reisebüros, keine Hafenmole, kein Yachthafen und außer ein paar Häuschen, die mit gemütlichen Holzöfen beheizt werden, drei winzigen Tante-Emma-Läden und einer Militärbasis nichts weiter als unberührter Natur: Berge, Wälder, Flüsse, Lagunen, Wasserfälle, der Bieber und eine gespenstische Stille. Jeder Spaziergang außerhalb des Örtchens gerät zum Abenteuer. Die Menschen sind offen und scheinen sich über jede Abwechslung zu freuen. Wer nicht beim Militär ist, der lebt hier vom Fischfang. Fischerboote!

Die Erfüllung meines Traums vom romantischen Seemannsabenteuer zum Ende der Welt schien zum Greifen nah zu sein. Kap Hoorn…ja…im Januar, wenn sich das Fischen nicht lohnt, da würde man immer mal wieder einen Fischer finden, der bereit sei zum Kap zu fahren. Aber jetzt im Februar seien alle auf See, aussichtslos.

So ist für auf dieser Reise das Ende der Welt in Puerto Williams, der südlichsten Stadt der Welt, erreicht und diese Rolle hat es bestens erfüllt. Aber mein Traum vom Kap Hoorn, der bleibt!

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