Written by Reisen

Eis

Eis hat viele Farben, die innerhalb des Spektrums von strahlend weiß, das bei Sonne in den Augen sticht, bis hin zu dunkelblau variieren. Eis, in der Größenordnung und gewaltigen Schönheit der Gletscher des südpatagonischen Eisfeldes, das 350km lang ist, deren Oberfläche 13.000km² mißt und zusammen mit dem nordpatagonischen Eisfeld, nach der Antarktis und Grönland die drittgrößte Eismasse der Welt ist, ist faszinierend.

Der Wind bläßt scharf, der Himmel ist von einem bedrohlichen Grau und immer wieder regnet es, als die „Puerto Eden“ auf ihrer Reise durch die chilenischen Fjorde eine Landzunge umschifft, die bis dahin den Blick auf den Gletscher Pio XI. verborgen hatte. Der Augenblick ist erhebend, mystisch, die Maschinen wurden abgestellt und in feierlicher Stille bestaunen alle das eiszeitliche Relikt, deren Zungenspitze sich vor uns erstreckt. Unser Schiff gibt immer wieder tutende Grußsalven von sich, die der Gletscher mit einem Echo aus dem Mark seiner Einsamkeit erwiedert. Nach einer Weile bahnen sich, einer Gotteserfahrung gleich, einige Sonnenstrahlen ihren Weg durch die dicke Wolkendecke und Pio XI. wird zur Bühne eines majestätischen Schauspiels von Licht und Schatten. Zwischen den Bergen zu unserer Rechten steigt ein Regenbogen auf.

Die riesigen Zacken des argentinischen Perito Morenos dagegen heben sich scharf und kalt gegen den strahlend blauen Himmel oder die dunklen, bewaldeten Berge ab. Es ist warm, beinahe T-Shirt-Wetter, denn der Gletscher liegt auf nur 185m Höhe und es ist Sommer, der selbst in Patagonien sehr warm werden kann. Perito Morno ist gesund. Tag für Tag wächst er einige Zentimeter, bis er, so scherzt unser Führer, die Erde umrundet haben wird. Seine Einzigartigkeit besteht darin, dass er 1947 den „Canal de los Tempanos“, Teil des Sees „Argentino“, überschritt und die Halbinsel „Magallanes“ erreichte.

So ist der Gletscher heute ein natürlicher Deich, der den See in zwei Hälften teilt und deren Wasserpegel Höhenunterschiede bis zu 20m erreichen. Alle drei bis vier Jahre entlädt sich dieser Druck, indem der Gletscher an dieser Stelle bricht. Der Anblick des wachsenden Gletschers ist gigantisch: Von der Halbinsel aus beobachten wir die 5 Kilometer lange Front, von der immer wieder riesiege Eisblöcke, von einem ohrenbetäubenden Knall begleitet, abbrechen und bis zu 60 Meter in die Tiefe stürzen, auf der Wasseroberfläche aufprallen und zur Eisscholle werden.

Bei diesem Spektakel ist es kaum zu glauben, dass wir auf dem gegenüberliegenden Naturwunder eine Wanderung unternehmen sollen. Doch tatsächlich bringt uns ein Boot entlang der nördlichen Gletscherseite ans andere Seeufer.

Noch eine gute halbe Stunde wandern wir durch einen Wald, bis wir den Rand des Gletschers erreichen, wo uns Steigeisen und Handschuhe angezogen werden. Über eine kleine Brücke, unter der das Schmelzwasser in Richtung See abfließt, steigen wir auf den Gletscher. Die Führer geben uns noch eine kurze Lektion in „Gebrauch von Steigeisen und Sicherheit im Gletscher“ und dann geht es auch schon hinein in das Gebirge aus messerscharfen Eisspitzen, deren Kanten Finger kappen können.

Nach einer kurzen Gewöhnungsphase fühle ich mich mit den Steigeisen wie Spiderman: nie gerate ich ins Rutschen, wo auch ich auch hintrete! Immer wieder passieren wir tiefe, mit Wasser gefüllte Gletscherspalten, deren Farbintensivität sich selbst der kreativste Designer nicht hätte erdenken können.

Berauscht von Form und Farbe durchlaufen wir in zwei Stunden einen Teil des Gletscher, der in etwa einem Schokostreusel auf einer großen Portion Zitroneneis entspricht oder einem einzigen Eiskristall auf dem frisch geschlagenen Eis in meinem Glas mit „Whiskey on the Rocks“, der uns zur allgemeinen Überraschung mitten im Gletscher serviert wurde.

So wurde Eis schlußendlich doch wieder zu dem relativiert, was es für mich bis dato immer bedeutet hatte.

Nachtrag am 13.3.2006 in San Carlos de Bariloche:
„Man kann nie wissen, wann der Deich brechen wird“, erklärte die Reiseleiterin. „Heute, morgen, nächsten Monat oder in einem Jahr.“.
Seit fünf Stunden überträgt das argentinische Fernsehen live den Zusammenbruch des Gletscherdeichs. Was für ein Spektakel!

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