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Fast die Arche

Dieser Eintrag ist eine kleine Reminiszenz an all die Tiere, die ich mich aufmachte zu sehen und nicht sah und eine kleine nachträgliche Rechtfertigung für die Mühen, die ich dafür auf mich nahm. Stellvertretend für die Schwänzer des Touristenprogramms, zeige ich hier einige Bilder derjenigen Tiere, die sich – mal mehr, mal weniger pflichtbewusst – für ein Foto zur Verfügung hielten.

Von so seltenen und manchmal auch gleichzeitig scheuen oder gar nachtaktiven Gesellen, wie den Maras, einer putzigen Mischung aus Reh und Hase, den Pudús, dem kleinsten Wild der Welt, dem fast ausgestorbenen Huemul oder dem berüchtigten Puma, will ich ja gar nicht erst anfangen. Die folgenden Geschichten gelten derjenigen Fauna, die „normalerweise“ zu sehen ist, doch das Glück ihr zu begegnen mir einfach nicht vergönnt war.

Die erste Erfahrung dieser Art ereignete sich im bolivianischen Dschungel. Höhepunkt der organisierten dreitägigen Tour durch die dichte Pampa zwischen den zahlreichen Seitenarmen des Amazonas sollte, sie sein, die Anakonda! Sie ist eine der größten Würgeschlangen der Welt und kann bis zu neun Meter lang und 150 Kilo schwer werden. Ihre Beute, Säugetiere und Vögel, erdrückt oder zerquetscht sie mit ihrem Körperchen so zu appetitlichen Häppchen. Sie zu finden zogen wir also begleitet von einem bolivianischen Führer los. Über 30 Grad, strömender Regen und eine nicht allzu atmungsaktive

Regenbekleidung machten den über zweistündigen Marsch durch mannshohes Gras, überschwemmte Wiesen und Sumpflandschaften nicht weniger abenteuerlich.

Irgendwann, schon unzählige Male hätte ich meine Gummistiefel um ein Haar nicht mehr aus dem Morast ziehen können, erreichten wir eine Lagune, die die ultimative Heimstätte der Anakonda sein sollte. Schon auf dem Weg stach unser Guide mit seinem riesigen Wanderstock eifrig in die üppige Vegetation, um Anakonda aufzustöbern. Aber, so erklärte er uns, bei Regen verkröche sie sich.

Dennoch ließ er uns am Ufer der Lagune zurück und verschwand mitsamt seiner Kleidung in selbiger, um Anakoda abzuholen. Wir warteten und warteten, eine halbe Stunde verstrich, eine Stunde wurde voll und wir warteten.

Langsam begann ich mich ein wenig zu langweilen und verließ unseren Rastplatz, um zur Abwechslung einen Blick hinter die Büsche, die uns umgaben, zu werfen. Doch was mich dort erwartete ließ mir den Atem stocken: Alligatorhäute und –gerippe, daneben eine menschliche Hose und Schuhe. Alligatorfrühstück? Menschenfrühstück? Aus einer gewissen Distanz vom Boot aus, konnte ich mit unseren sauropsiden Freunden ja ganz gut, aber so unmittelbar… und was, wenn jetzt einer direkt vor mir auftauchen würde? Das wäre mir ganz sicher nicht recht gewesen! Rasch setzte ich die anderen über meinen Fund in Kenntnis und eine gewisse Aufregung befiehl unsere ansonsten sehr entspannte, kleine Reisegruppe.

Und wo blieb überhaupt der Guide? Mittlerweile waren schon zwei Stunden ohne ein Zeichen von ihm oder der Anakonda verstrichen.

Tendenzen zur Meuterei zeigten sich; der Portugiese wollte den Rückweg alleine finden, wenn unser Führer in einer Viertelstunde nicht wieder auftauchen würde. Immerhin sei ja auch Zeit für das Mittagessen. Ich fand das gar keine gute Idee und zeigte mich entschlossen zu bleiben wo ich war, bis der Guide wieder auftauchen würde. Wahrscheinlich, so mutmaßte ich, ist er auf eine Chicha in einem Eingeborenendörfchen eingekehrt und macht mit dem Wirt gerade derbe Touristenwitze.

Meine These fand allgemeinen Zuspruch und so warteten wir dann auch nicht mehr lange, bis der Bolivianer aus dem Dickicht, das den See umgab wieder auftauchte – ohne Anakonda versteht sich.

Zwar befand ich mich nicht auf Rachefeldzug für ein fehlendes Bein, aber sicherlich stand ich KapitänAhab in Punkto „Eifer bei der Walsuche“ in nichts nach. Einen halben Tag lang stand ich beharrlich an der Steilküste der Peninsula Valdés im Süden Argentiniens und spähte und spähte.

Neben mir befand sich sogar ein Posten, indem professionelle Walbeobachter jeden Tag den ganzen, lieben, langen Tag stehen und spähen und spähen. Denn immerhin war im März, als ich dort war, Hochsaison für Orkas. Am Unterstand der Professionellen war auf einer Tafel verzeichnet, wann und in welcher Entfernung die Killerwale das letzte Mal gesichtet worden waren: Gestern, 8.15Uhr, sehr, sehr weit draußen. Ah ja.

Der Tag war wunderbar, ein strahlender Himmel, unten am Strand sonnten sich die Seelöwen und –hunde, ein Piche (heißt das im Deutschen vielleicht Gürteltier? Bitte um Zuschriften!) lief ein wenig verwirrt über den Parkplatz, Möwen kreischten, das Meer war von einem unfassbar intensiven Blau und eine leichte Briese wehte von Westen.

Was hätten nur ein paar Orkas am Horizont, aber gerne auch dichter, die Szenerie vervollständigt! Voll Sehnsucht ließ ich Stunde um Stunde meinen Blick über das Meer schweifen, um nicht irgendwo eine Schwanzflosse oder auch nur ein Fontänchen zu entdecken. Aber irgendwann hieß es dann doch „Abfahrt!“ und auch das Paar, das schon seit elf Tagen kam, um die Säuger zu sehen, musste wieder einmal unverrichteter Dinge mit dem Bus in die eine Stunde entfernte, einzige Siedlung der Halbinsel zurück fahren.

Tja, das hat man nun davon: da entlässt man Willy und seine feinen Freunde einmal in die Freiheit und hast du nicht gesehen, hast du sie nicht mehr gesehen!


Dejá-Vu in Chile: tapfer erklimmt eine andere kleine Reisegruppe die Steilküste auf der Insel Chiloé. So kurz vor Ostern ist der Wind herbstlich, die See rau und der Himmel trägt einheitsgrau. Unten am Strand wohnen ein paar Fischer in Hütten. Sie leben hauptsächlich davon, nach Meeresfrüchten zu tauchen und verdienen sich etwas hinzu, indem sie Touristen in Nussschälchen zu einer nahe gelegenen Pinguinkolonie schippern.

Auf Chiloé scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Als wir den ein wenig großspurig als „Aussichtspunkt“ titulierten Acker am Rande der Klippen erreicht hatten, begann wir zu spähen und zu spähen und zu spähen, mit Fernglas, ohne Fernglas und dann wieder mit Fernglas.

Nichts, während uns der Fischer mit Geschichten über die chilotische Mythologie und seinen Alltag unterhält und ich mir denke, dass die Wale wohl schlichtweg von Millalobo, dem Herrscher des Meeres in einen anderen Teil des Archipels befohlen worden sind, um die Wasserwelt gegen die mächtige Herrscherin des Landes Ténten-Vilu zu verteidigen.

Meister Bockert hingegen, der in Deutschland, gehegt, gepflegt und geschützt wird, gilt in anderen Teilen der Erde, wie der Insel Navarino, als Plage, die alle Vegetation kurz und klein nagt, die ihm zwischen seine aparten Schneidezähne kommt. Der aus Nordamerika „eingeschleppte“ Castor Canadensis fand auf den wasser- und baumreichen Inseln Feuerlands so etwas wie ein Schlaraffenland vor, das er nun großräumig und hemmungslos verwohnt.

Wer denkt, dass es da nicht weiter schwer sein wird, einen dieser Gesellen aufzutreiben, der hat weit gefehlt! Durch einen ungewollten Zufall, kam es, dass ich mich allein in die insulare Wildnis aufmachte, um auf Bibersuche zu gehen.

Und Wildnis, das meint am vermeintlichen Ende der Welt, eine echte, taubmachende Wildnis. Kein kultivierter Wald, kein Parkplatz, keine Spaziergänger und der vom Regen überschwemmte, teilweise unpassierbare Weg endete irgendwann im Nichts und das Nichts wurde undurchdringlich. Mir war unheimlich, denn wer weiß, was hier außer dem Biber nicht noch alles herum kraucht und dann bestünde da noch die Möglichkeit, dass sich der Biber in diesem Paradies unbemerkt wieder zu seinem bärgroßen, urzeitlichen Vorgänger zurück evolutioniert hat.

Zudem regnete es in Strömen und das Pfützenwasser kroch mir die Hosenbeine hoch. Nur ab und zu erhellten einige Sonnenstrahlen, von Regenbögen begleitet, das grüne Dickicht. Tröstlicherweise begleitete mich auf meiner Wanderung ein Hund der Militärstation, die ich am Ortsausgang von Puerto Williams passiert hatte. Ohne ihn hätte ich wohl schon nach einigen hundert Metern wieder Kehrt gemacht.

Doch der Hund und ich, wir sprachen uns gegenseitig Mut zu und so drangen wir immer weiter gen Heimstätte des Nagers vor, ohne überhaupt zu wissen, wo diese Lagune genau lag. Nach gut anderthalb Stunden erreichte ich eine Anhöhe, von der aus ich sah, dass sich direkt unter mir ein Gewässer befand, das ich ohne Zweifel als Fluss identifizierte.

Da mir weder das Erreichen des Ufers, noch das Überwinden des Flusses als ohne weiteres möglich erschien, schoss ich noch ein paar Fotos und machte mich auf den Rückweg. Meine Abenteuerlust war an dieser Stelle ohnehin schon voll und ganz befriedigt worden. Am Abend dann zeigte ich unserem Wirt die Fotos des Tages und er versicherte mir, dass mein „Fluss“ sehr wohl die Biberlagune gewesen sei, nicht ohne seine Verwunderung darüber zum Ausdruck zu bringen, dass ich bis dorthin alleine gegangen war.

Doch selbst wenn ich gewusst hätte, dass der „Fluss“ die Lagune gewesen war, so hätte ich es bestimmt nicht über mein Herz gebracht, an diesem verlassenen Ort auszuharren, um auf die Verwandtschaft von Ratten zu warten. Aber, auch ohne Biber hatte ich meinen Spaß!

Bis zum heutigen Tage ungeklärt bleibt, ob ich einen Kondor gesehen habe oder „nur“ eine andere Geierart. Ebenfalls offen bleibt die Albatrosfrage. Ich bin mir sicher einen Albatros gesehen zu haben, während Susann der Überzeugung ist, es hätte sich „nur“ um eine sehr, sehr große Möwe gehandelt. Auch das Argument, dass eine echte Deern auf Reisen wohl eine Möwe von einem Albatros unterscheiden kann, hat sie bislang noch nicht überzeugen können. Und dann wären da noch die Tiere, die ich zwar gesehen habe, aber die sich beim besten Willen nicht fotografieren lassen wollten. Doch das ist wieder eine andere Geschichte…

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