Written by Reportage

Parkour

oder Extremsport liegt im Auge des Betrachters

Spätestens seit „Casino Royale“ ist Parkour in aller Munde. Die grazile wie kraftvolle Bewegungsform fasziniert mit spektakulären Sprüngen über Hochhausdächer und fluchtartigen Szenen durch die surrealistischen Kulissen der Pariser Banlieue. Mary Poppins „Dachfirsttanz“ trifft Spiderman. Doch was steckt wirklich hinter Parkour? Ein Bericht von der Basis.

St. Pauli Landungsbrücken – Barkassen, Löschkräne und die Docks von Blohm & Voss liegen friedlich im nachmittäglichen Schmuddelwetter. Möwen kreischen. Inmitten dieser Hafenidylle ziehen zwei Jogger an den wenigen Touristen, die auf der Promenade oberhalb der Fähranleger spazieren gehen, vorbei. Die Läufer erreichen das Ende des Weges, eine Gitterbalustrade, die die Passanten vor einem Sturz auf den etwa eineinhalb Meter tiefer gelegenen Weg schützen soll. Doch anstatt umzukehren, überspringen die Jogger – diese Sackgasse urbaner Architektur ignorierend – behände das Gitter, fliegen für Sekunden, landen in gehockter Position sicher auf der Erde und setzten ohne inne zu halten ihren Weg fort.
„Ehy! Pakuä!“, johlen von oben einige Halbstarke. „Das kann ich doch auch!“
Kannst Du?

Parkour wurde in den 1980er Jahren von einer Gruppe Jugendlicher um den heute 34jährigen David Belle aus der von Georges Hébert Ende des 19. Jahrhunderts erfundenen „Méthode Naturelle“ weiterentwickelt. Dabei übertrugen die Pioniere des Parkours die auch von französischen Vietnamsoldaten genutzten Methoden einer effizienten Flucht auf die Betonwüsten der Pariser Vorstädte.

Keno und Till – die beiden „Jogger“ – trainieren Parkour seit etwas über einem Jahr. Sie haben das Warmlaufen beendet und sind an einem ihrer Trainingsorte angekommen. Die gerüstartigen Treppenkonstruktionen, die vom Hafen zur U-Bahnstation „Baumwall“ hinaufführen, geben den beiden Traceuren, wie Parkour-Sportler genannt werden, die Gelegenheit verschiedene Techniken zu üben: balancieren und vor allem Sprünge. Affengleich, athletisch und hochkonzentriert turnen der Medizinstudent und der Zivildienstleistende über, unter und durch den Treppenaufgang, darauf bedacht ihre Bewegungen zu optimieren: rasch, effizient, fließend und elegant wollen sie die Hindernisse des urbanen Lebensraumes überwinden. Die Stadt wird zum Sportgerät.

Till springt auf eine über zwei Meter hohe Brüstung und verkürzt so seinen Weg um viele wertvolle Sekunden. Durch Parkour, so der 18jährige, teste und erweitere er die Grenzen seines Körpers und seiner Umwelt. Für ihn geht es bei Parkour um die Hindernisse, die ihm die Stadt stellt und die Art, wie er sie überwinden kann.

Die Sprünge der beiden, die alle drei Raumdimensionen ausschöpfen verkürzen Distanzen. Schnell sind die Bewegungen. So schnell, dass Details verschwimmen. Was bleibt ist das Bild eines Flüchtenden. „Durch Parkour erlerne ich natürliche Bewegungen, die für den Ernstfall, die Flucht, nützlich sind. Außerdem ist Parkour Freiheit pur! Ich bewege mich wie und wo immer es mir gefällt“, ergänzt Keno.

Andere Traceure wie der ebenfalls 18jährige Bjarne sehen in Parkour auch eine Art des Protestes: „Parkour ist ein wenig Rebellion gegen Normen wie die Begrenzungen die uns die künstliche Umgebung vorschreibt und vor allem gegen gesellschaftliche Sichtweisen. ‚Das ist gefährlich!’ oder ‚Mach nichts kaputt!’ sind Einschränkungen, die sind verständlich aber ‚Das macht man nicht’ ist zum Beispiel ein Satz, den ich nicht abkann.“ Dennoch gehört zu den Grundsätzen von Parkour auch, dass die Sportler ihren Mitmenschen und ihrer Umwelt mit Respekt und Achtsamkeit begegnen. Und so kommentieren die Passanten unaufgeregt und interessiert das Training von Till und Keno: „Guck mal, wie die klettern können!“, sagt ein Mann um die sechzig zu dem Kind, das er an der Hand halt. Kein Schimpfen, keine Empörung, keine Polizei.

Unterhalb einer 3,2 Meter hohen Mauer atmet Till tief durch, visiert sein Ziel an, nimmt Anlauf, stoppt abrupt, geht zur Ausgangsposition zurück. An den verschiedenen Mauern unterhalb des Michels trainieren Till und Keno den „Passe Mureille“, eine Grundbewegung zur Überwindung einer Mauer. Till lockert sich, konzentriert sich und nimmt erneut Anlauf. Dann der Absprung gegen die Mauer, doch die Hand schon auf der Kante, rutscht er wieder ab.

„Parkour ist wie ein Spiegel immer hart und unverfälscht zu Dir“, reflektiert Steven Käser, Schweizer Parkour-Profi und Mitbegründer der deutschsprachigen Parkour-Plattform ParkourONE. „Es konfrontiert Dich mit Dir selbst im Prozess des Überwindens eines Hindernisses: Wie hast Du das Hindernis gemeistert? Wieso hast Du es erst umgangen? Warum hattest Du Angst? Wie hast Du diese Angst bekämpft? Parkour kann Dir einen Weg zu dir selbst zeigen, wenn Du bereit bist zuzuhören. Wenn ich Parkour ausübe, dann spüre ich, dass ich lebendig bin und spüre die Welt um mich herum intensiver.“

Ruhig und ganz bei sich steht Keno auf einer kleineren Mauer, ungefähr einen Meter über dem Asphalt. Der 24jährige geht in die Knie, stößt sich ab und landet mit einem Schlusssprung auf einer höher gelegeneren Mauer. „Saut de précision“ – Präzisionssprung heißt diese Bewegung, mit der er in einem Satz je einen guten Meter Breite und Höhe überwunden hat.„Adrenalin? Nein, Adrenalin“, sagt Keno, „spielt keine Rolle. Es stört nur die Feinmotorik. Ständig unter Adrenalin könnte ich Parkour nicht ausüben. Wichtiger ist, sich nie zu überfordern und immer sicher zu sein. Nur die besten Traceure trainieren in großen Höhen. Es geht nicht um spektakuläre Stunts, Angeberei oder darum, wer der Beste ist. Daher finde ich nicht, dass Parkour eine Extremsportart ist. Ich halte mich damit fit. Nicht mehr und nicht weniger.“

Bereits auf dem Heimweg vom Training fällt Tills Blick auf eine Garage in einer Häuserschlucht, wie es sie zuhauf gibt: „Da müssten wir auch mal rüber!“.
Gesehen, getan. Denn Parkour ist mehr als eine weitere Trendsportart. Parkour ist ein Blickwinkel, ein Stück Straßenkultur und der Dialog zwischen Sportler und Stadt.

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