Written by Literatur

Perspektivwechsel

Wie lange stirbt ein Mensch? Ein Perspektivenwechsel aus der Agonie.

Plötzlich heult die Sirene laut auf. Zweimal. Feuer! Doch noch im Klassenzimmer höre ich durch den Lärm, wie jemand den Schlüssel im Schloss herumdreht. In der Ferne fällt eine Tür zu und Schritte kommen durch den Korridor näher. Wir sind eingeschlossen. Ich verkrieche mich unter dem nächsten Tisch, presse die Hände vor die Augen und warte. Es wird still. Nach einer Weile berührt jemand vorsichtig meine Hand.
„Guten Morgen… guten Morgen, Frau Kuhn“, sagt eine leise Stimme zieht dabei das O ein wenig. Kuhn, Kuhn, wer war denn noch mal Frau Kuhn? Kuhn. War das nicht dieser… der Tanztee im Frühling… die Pause… und am Abend… ich wollte sehen, was sie tun würden… das K.O.-Kriterium, ich hatte verloren… aber, das war doch… woanders… nein, später?
Ich blinzele. Schemenhaft flackert das Bild einer jungen Frau vor mir auf.
„Guten Morgen“, wiederholt die Stimme.

Guten Morgen. Ich öffne die Augen und blicke in ein Gesicht, das sich über mich beugt. Das Gesicht habe ich schon einmal gesehen. Seine Augen lächeln freundlich, fast liebevoll und ein wenig belustigt. Ich bin aufgewacht.
„Na, Frau Kuhn, haben Sie noch geschlafen?“, fragt mich die Deern, zu der das Gesicht gehört. Oh, ich habe geschlafen. Geträumt? Nein, aufgewacht. Ich liege im Bett und schaue mich um. Dies ist das Wohnzimmer meiner Eltern. Dort in der Ecke pocht die alte Standuhr. Warum wache ich im Wohnzimmer meiner Eltern auf? Von meinem Bett aus schaue ich direkt in den Garten. Das ist schön. So friedlich. Eine Krähe landet im Wipfel einer der Ulmen. Nach dem Frühstück werde ich Vater fragen, ob ich im Garten spielen darf. Ich will zu meinem Versteck gehen, am Abhang hinter der Laube: ein grüner Smaragd, Tannenzapfen, ein Klumpen Gold, der Farntunnel und eine Nachttischlampe neben dem Bett.

Das Bett ist ein Fremdkörper. Es passt nicht ins Wohnzimmer. Es ist neu, aus hellem, lackiertem Holz und steht mitten im Raum. Ich schwebe höher als gewöhnlich über dem Erdboden und nur die Gitterstäbe an den Bettkanten links und rechts von mir retten mich vor einem Sturz in die Tiefe. Mir wird schwindelig. Ich falle. Und falle immer weiter. Das Blut rauscht in meinen Ohren. Ich lasse los. Jetzt. Gleich geschafft. Gleich. Hinter mir höre ich das Knacken eines Kugelschreibers, mein Flug endet jetzt, ich höre auf zu fallen, auf zu fliegen und spüre wieder, wie mein Körper schwer auf der Matratze aufliegt.

Die Matratze. Sie lebt. In regelmäßigen Abständen schnaubt und knackt sie. Kurz darauf regt sie sich unter mir und eine kaum wahrnehmbare Welle, vom Fußende des Bettes kommend, fährt meine Beine, den Rücken und die Schultern hinauf bis zu meinem Kopf. Pffft, macht die Matratze. Knack, knack, pfffft. Ein Monstrum. Knack, knack pfffft.
Ich bin so müde. Trotzdem öffne ich wieder die Augen. Hier im Zimmer ist es ruhig. Sehr ruhig. Nur die Standuhr, dak, dak, dak, dak und das Knackknackpffft der Matratze. Regelmäßig. Ruhig. Ich bin schwach, mein Herz schlägt kaum mehr wahrnehmbar. Fast ist es, als sei mein Pulsschlag in halbem Tempo an das Schwingen der Zeit gekoppelt. Dak — dak — dak —

„So, Frau Kuhn, denn wüllt wi man.“
Die Deern. Ihr Tatendrang schlägt eine Schneise in das dichte, schwere Schweigen des Raumes, in dem ich bin. Um uns herum, auf dem Tisch neben dem Bett und am Fußende hat sie eine Menge Utensilien aufgebaut: Zwei Schüsseln, daneben je ein Handtuch, ein Müllbeutel, leer und bereits weit geöffnet, eine Rolle Klopapier, eine Box mit feuchtem Toilettenpapier, eine Tube mit Creme, eine riesige Windel, bereits auseinander gefaltet, eine weiße Stoffunterlage. Die Deern trägt dünne gelbliche Handschuhe.
„Ich nehme dann mal die Decke beiseite“, sagt sie und legt meine Zudecke auf den Sessel neben dem Bett. Es wird kalt und eine fäkale Geruchswoge entsteigt der flüchtigen Bettwärme.
„Nein!“, rufe ich und versuche das trügerische Gefühl der Decke auf meinen Beinen zu erreichen und greife ins Leere. Es stinkt.
„Das ist nicht angenehm, ich weiß, aber das muss jetzt kurz sein. Dauert auch nicht lange. Nur einmal sauber machen und dann ist dafür wieder alles schön frisch“, die Deern klingt ein wenig gequält, aber bestimmt.

Waschen. Richtig. Jeden Morgen kommen sie und waschen mich. Ich erinnere mich. Jeden Morgen. Krankenhaus? Nein, dies ist nicht das Krankenhaus. Meine Schwester. Dies ist das Haus meiner Schwester. Gleich wird sie die Treppe hinunter kommen, das Baby auf dem Arm. Sie legt die Lütte in den Kinderwagen und setzt sich zu mir auf die Terrasse. Es ist warm und wir reden. Wir drei. Dort. Sie ist nicht meine Freundin. Es hat nur den Anschein. Keinen Mucks. Sie nicht reizen, ihren Jagdinstinkt nicht wecken. Sie ist aus Marmor: hart, kalt, herzlos und von verführerisch blendender Oberflächlichkeit. Das Baby gluckst und da, die Uhr unserer Eltern. Das Wohnzimmer.

Das Kopfteil meines Bettes ist ein wenig hochgestellt und so schaue ich an mir hinab. Unten staken ein Paar kraftloser, deformierter Beine aus einer fliederfarbenen Plastikwindel. Meine Beine? Meine Windel? Alte Beine und Windel. Urin und Kot. Es stinkt. Ich, meine Beine, meine Windel, mein Urin, mein Kot. Ich liege im Bett. Ich bin alt, nass und zu müde um mich zu rühren. Ich bin nicht Herr meines Körpers. Aber der Wille ist da. Ich bin da.
Die Deern hat die Bettgittergrenze zwischen ihr und mir hinab gelassen. Jetzt nimmt sie die Fernbedienung, die an der Bettkante hängt, und kündigt mir an, das Bett nach oben und das Kopfteil nach unten zu fahren. Das surrende Geräusch des Motors. Ich liege nun flach auf dem Rücken und throne hoch oben im Nirgendwo zwischen Fußboden und Decke.
Die Deern schaut mich an und sucht mit ihrem Blick mein Einverständnis. Ich gebe es ihr wortlos. Sie sagt: „Ich mache jetzt die Hose auf.“

Sie zieht die vier Klebestreifen an der Windel ab. Sie stellt mir die Beine ein wenig breitbeinig auf, zieht die Windel von meinem Bauch und legt den oberen Teil zwischen meinen Beinen auf das Bett ab. Der Geruch meines Kots erfüllt den Raum. Ich kann mich nicht bewegen.
„Gut Frau Kuhn, dann einmal auf die Seite drehen“, ihre Stimme ist ruhig und sachlich. Routine. Mit dem linken Arm ergreife ich das rechte Bettgitter, während mich ihre Latexhände an Knien und Hüfte erfassend auf die rechte Seite drehen.
„Sehr schön, das klappt ja prima“, sagt sie beinahe emotionslos.
Mit dem Gesicht zur Wand, das Bettgitter immer noch umklammert, lasse ich die morgendliche Prozedur über mich ergehen, deren Handgriffe durch die Stimme der Deern angekündigt werden: Sie nimmt die Windel und legt die beschmutzten Seiten aufeinander. Dann gibt es einen kleinen Ruck und sie zieht den Rest der Windel unter meiner rechten Hüfte heraus. Feines Plastik knistert und der Gestank beginnt sich zu legen. Klopapier wird abgerissen, einige Male. Klopapier wischt an meinem Gesäß und der Gesäßfalte, einige Male. Feines Plastik knistert, einige Male. Wasser plätschert in einer Schüssel, ein Waschlappen wird ausgewrungen. Warm, feucht und nach Waschlotion duftend fährt der Lappen über mein Gesäß und die Gesäßfalte. Dann abtrocknen.
„Gleich geschafft, Frau Kuhn“, sagt die Person hinter mir.

Gleich geschafft. Wer spricht? Wie lange noch? Noch Tage? Stunden? Monate? Wann werde ich es geschafft haben? Wie lange liege ich hier schon? Monate, Jahre, Wochen, Tage? Und wohin dann? Jetzt bin nicht mehr ich es, die sich in der Zeit bewegt, sondern die Zeit bewegt mich. Ich werde loslassen, wenn die Zeit mich loslässt.

Morgens waschen, die Deern. Nun schmiert sie kalte Creme auf meinen Steiß und reibt sie ein. Watte und Plastik rascheln und ein kühler Wulst wird unter meine rechte Seite geschoben. Die Deern kündigt an, mich wieder auf den Rücken zu drehen. Ich lasse das rechte Bettgitter los, rolle zurück und komme auf der wattierten Oberfläche einer neuen Windel zu liegen. Schon habe ich einen dampfenden Waschlappen in der Hand und wasche wie jeden Morgen meinen Intimbereich selbst. Selbstbestimmtes Handeln, wie klein mein Radius ist. Waschlappen und Handtuch tauschen ihre Plätze. Danach fasst mich die Deern unter meine rechte Hüfte, dreht mich kurz einige Zentimeter zu sich hin und zieht den fehlenden Teil der Windel unter mir hervor. Sie legt die obere Hälfte der Windel auf meinen Bauch und vier Klebestreifen beenden eine weitere Runde des immer gleichen Ablaufes.
„So“, die Deern klingt erfreut. „Jetzt nur noch oben herum waschen.“
Die Deern und ich halten uns an den Schultern fassend umschlungen. Sie lehnt sich zurück und zieht meinen Oberkörper durch ihr eigenes Gewicht in eine sitzende Position. Mit einer Hand hält sie mich aufrecht, während sie mir mit der anderen Hand das Nachthemd über den Kopf zieht. Dann lässt sie mich wieder auf die Matratze zurücksinken. Anstrengend. Jetzt wäscht sie mich, ich wasche mein Gesicht, sie cremt mich ein, ich kämme meine Haare. Eigenständig handeln. Was noch geht. Ein frisches Nachthemd. Wieder werde ich angehoben, mir das Nachthemd über den Kopf gezogen. Hinlegen. Liegen. Kopfteil hoch-, Bett runterfahren. Die Deern läuft geschäftig hin und her und räumt auf. Nun erfüllt der beißende Geruch von Desinfektionsmittel den Raum. Ich, ein Infekt.

Gleich wird die Deern mit dem Frühstück kommen: eine Scheibe Rosinenstuten mit Butter, ohne Rinde und in kleine Stücke geschnitten, ein Becher dünner Kaffee mit Milch und Zucker und ein Glas Wasser in einem Schnabelbecher. Sie wird es auf dem kleinen Rolltisch über meinem Bett aufbauen, sich mir gegenüber setzen und mir mehrfach von allem anbieten. Ich werde ablehnen. Alles. Auch das Wasser. Ich bin müde.

Jetzt sitzt mir die Deern gegenüber, den Rücken zum Fenster. Zwischen uns das Frühstück. Ich habe es abgelehnt, auch das Wasser. Die Deern kann nichts mehr für mich tun. Aber sie bleibt. Sie schweigt und sitzt und atmet und trägt meinen Atem. Sie ist ein Widerstand im Raum, der mich reflektiert und so spüre ich, dass ich existiere. Ich atme und die Deern schweigt und sitzt mir gegenüber und atmet und trägt meinen Atem. Jetzt könnte ich loslassen. Jetzt bin ich und die Deern trägt meinen Atem. Ich würde meinen Atem loslassen und gehen und es würde nichts ausmachen, denn die Deern ist da und trägt meinen Atem einfach weiter. Jetzt könnte ich loslassen. Jetzt. Jetzt werde ich…
„Ich werde jetzt gehen, Frau Kuhn“, sagt die Deern, steht auf und gibt mir meinen Atem zurück. „Bis morgen dann.“

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