Written by Reisen

Tod und Nacht in den Anden

Nein, nein, bitte nicht den Ruecktransport meiner Gebeine organisieren! Mir geht es praechtig und auch die 3400m Hoehe, auf der ich mich befinde, bekommen mir gut. Ich komme nur so schnell aus der Puste. Aber nun zu „Tod und Nacht in den Anden“:

Zwischen unserem letzten Stop in Ayacucho, einem bezaubernden kleinen Bergstaedtchen ohne grosser touristischer Infrastruktur, und Cuzco, dem pittoresken Mekka aller Perureisender lag eine unvermeidbare 22-stuendige Busfahrt ueber unasphaltierte Andenstrassen. Also, nicht lange mit dem Schicksal hadern (laesst sich ja doch nicht aendern), Pomuskulatur noch ein letztes Mal gelockert und hinein in den Bus-Spass!

Los ging die (Tor)tour um 19.30 Uhr und zu dieser Zeit ist es hier bereits seit einer Stunde stockfinster. Mich trieb schon zu Beginn der Fahrt die Sorge um unsere Rucksaecke im Kofferraum des Buses um, weil staendig finstere Gestalten mitten im Nirgendwo ein- und ausstiegen, keine Sitzplaetze hatten, sondern im Gang standen und mal ein Huhn, mal ein Zicklein mit sich fuehrten. Da haette sich schnell jemand unten die Gepaecklucke oeffnen lassen koennen und – haetten wir nicht gesehen! – waere der Boesewicht mit unseren Sachen in der Nacht verschwunden. Einige Vorsichtige kaufen sich fuer ihr Gepaeck sogar einen zweiten Sitzplatz. Auch die Strasse ist alles andere als vertrauenswuerdig: Eine Schotterpiste, die sich in Serpentinen den Berg entlang windet und eigentlich nur Platz fuer ein Fahrzeug bietet (beliebt: Strassensperren und Ueberfaelle) und Gegenverkehr wir durch Hupen vor Kurven ueber die eigene Existenz in Kenntnis gesetzt. Aber zurueck zum Tod in den Anden: Die Fahrt vernahm also ihren fuer Peruaner garantiert geregelten Verlauf. Ungefaehr gegen Mitternacht wurden dann alle zum Freiluftpinkeln nach draussen gelassen, nur fuenf Minuten hinaus in die Kaelte und dann weiter. Die Tuer schliesst sich, der Bus faehrt los und kurz darauf erhebt sich ein Geschrei im Bus: „Es fehlt einer!“. Bis der Busfahrer, durch eine verschlossene Tuer von den Fahrgaesten getrennt, dann wirklich reagierte, vergingen noch einmal einige Minuten. Der Bus hielt schliesslich und aufgeregt sprangen einige Maenner hinaus. Als sie zurueckkamen, bekreuzigten sie sich und setzten uns uebrige Passagiere ins Bild. Peruaner neigen offenkundlich zu detaillierten, ausgeschmueckten und vielleicht auch uebertrieben Erzaehlungen und so ereignete es sich zum ersten Mal, dass ich mir wuenschte, kein Spanisch zu koennen. Hier nur eine nuechterne Kurzfassung: Der bei der Pinkelpause vergessene Fahrgast war in absoluter Dunkelheit und vermutlich in Panik hinter dem Bus her und geradezu in den Abgrund gerannt, der auf der selben Strasse, nur eine Etage tiefer, endete. Blutueberstroemt und… lag er nun, kaum noch lebend, vor unserem Bus. Mitten in den Anden Polizei oder einen Krankenwagen alarmieren?

Unmoeglich. So wurde der Schwerstverletzte nach einigem hin und her kurzer Hand in dem Ruheraum fuer den Busfahrer, der sich ebenfalls im Kofferraum befindet, mit zum naechsten Krankenhaus genommen. Auf dieser sicherlich nocheinmal zweistuendigen Fahrt ist der Verunglueckte, der mit seinem Cousin reiste, dann verstorben. Am Krankenhaus angelangt mussten wir noch eine gute Stunde auf die Polizei warten, die verschiedene Zeugenaussagen zu Protokoll nahm. Die restlichen vierzehn Stunden verliefen dann ohne weitere, nennenswerte Zwischenfaelle: Ein Reisbus ohne jegliche Federung, unalspahltierte Strassen, kein Platz fuer die Beine, fliegende Haendler fahren ein Stueck mit, um ihre Koestlichkeiten zu verkaufen, unbegreiflich aermliche Doerfer und unbegreiflich wunderbare Berge ziehen draussen vorbei.

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